28.03.2013

Können Introvertierte Führen? Teil II


Als Person mit einem vergleichsweise hohen Anteil Introversion muss ich mich auch einmal anstrengen, um gehört zu werden. Beim Selbstmarketing und „Socialising“ werde ich auf den ersten Blick vielleicht als eher zögerlich und zurückhaltend eingeschätzt. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass man sich mit Stetigkeit und auf ruhigere Art und Weise ebenfalls Vertrauen und nachhaltige Beziehungen aufbauen und sich Gehör verschaffen kann. Lange habe ich gezweifelt, ob ich als eher introvertierte Person überhaupt das Potenzial zur Führungskraft mitbringe. Inzwischen bin ich überzeugt, dass mittel- und längerfristig die Qualität zählt und es dabei nicht primär auf die „Lautstärke“ und auf andere, mit Extroversion einhergehende Eigenschaften, ankommt.

Die „Qualität“ bzw. die erfolgsrelevanten Faktoren von Führungskräften liegen nicht in den Dimensionen Extraversion vs. Introversion begründet. Ronald E. Riggio beispielsweise legt in einem Artikel aufgrund empirischer Studien dar, dass Extraversion keine zwingende Eigenschaft von Führungskräften ist und es hauptsächlich auf die sogenannten social and emotional skills ankommt. „Recent research evidence suggests that while extraversion is predictive of many positive social outcomes, it may not be extraversion itself that matters. Instead, it may be possession of social skills or competencies that are better predictors of social outcomes than personality constructs such as extraversion.“ Einmal mehr wird hier auf die besondere Rolle von Empathie und emotionaler Intelligenz aufmerksam gemacht, wenn es um die Bestimmung der relevanten Erfolgsfaktoren von Führungskräften geht. „If extraverts make better leaders, why isn't Robin Williams president?“ lautet der Untertitel des Artikels von Riggio. Extravertierte Manager ohne EQ mögen es mit ihrer guten Show oftmals weit bringen, was aber nicht heisst, dass sie per se gute Führungskräfte sind. Mit gut ausgeprägten emotionalen und sozialen Kompetenzen hingegen kann eine introvertierte Person eine exzellente Führungskraft sein bzw. werden.

In Bezug auf die Führungskompetenz sind es Sozialkompetenzen und emotionale Kompetenzen, welche die mit Extraversion oder Introversion verbundene Eigenschaften zum grössten Teil überstrahlen. „Think of extraversion as a potential for social effectiveness—a sort of social "energy." But if the person lacks the social skills* to direct that energy, then the person will not be socially effective. Conversely, socially skilled intraverts should do well in social interaction, but in a more low-key manner.“ Im Umgang miteinander zählen letztlich die emotionalen und sozialen Kompetenzen und insbesondere gegenseitiges Verständnis und Authentizität. Bei diesen Eigenschaften glaube ich, doch mindestens im durchschnittlichen Bereich zu liegen und somit auch Führungsrollen angemessen wahrnehmen zu können.

Natürlich ist ganz allgemein weder Extraversion noch Introversion besser oder schlechter. Beide Eigenschaften sind mit je eigenen Stärken und Schwächen verbunden. In unserer lauten und schnellen Welt erlebe ich es aber schon so, dass Schlagfertigkeit eher belohnt wird, als Nachhaltigkeit, obwohl langsamere, stillere Zeitgenossen vielleicht reflektiertere und bessere Antworten geben könnten, wenn sie nur die nötige Zeit dazu bekämen. Vielleicht wird in Zukunft Innovationskraft weniger mit Aktionismus, Charisma weniger mit Showtalent oder Durchsetzungsvermögen weniger mit Dominanz gleichgesetzt und wir kommen einer „Gleichstellung“ zwischen Extravertierten und Introvertierten näher (so wie wir auch an einer Gleichstellung zwischen Frau und Mann arbeiten).

Zur Beantwortung der Frage im Titel: Auch wir Introvertierten können führen, wenn vielleicht auch etwas anders als Extrovertierte! Wichtig ist vor allem die notwendige Portion emotionaler Kompetenz.

Bis bald

Stephan Arnold

EQ-Blog@iek.ch


* „We break down social skills into two types of competencies: emotional competencies and social competencies.“

Können Introvertierte Führen? Teil I

19.03.2013

Katja Riemann und das verunglückte Interview – was lief hier falsch?


Ich bin mir nicht sicher, was wirklich im Kopf der Schauspielerin Katja Riemann vorging, als sie auf dem roten Sofa des NDR für ein Interview Platz nahm. Der Moderator Hinnerk Baumgarten wollte vermutlich ein „ganz normales Interview“ mit ihr machen, so wie er dies wohl schon x mal gemacht hatte – doch das ging dann voll daneben! Es war derart peinlich, dass es schon fast wieder sehenswert ist. Doch was ist genau passiert? Hier eine kurze Analyse aus iek-Sicht:

Für mich ist dies zunächst einmal ein typisches Beispiel dafür wie es ist, wenn zwei Menschen völlig aneinander vorbei reden. Während der Moderator – wohl eher naiv als berechnend – seine grösstenteils ziemlich belanglosen Fragen routinemässig abspulen wollte, war Katja Riemann offensichtlich nicht dazu bereit, dieses Spiel mitzumachen. So reagierte sie zwar sehr authentisch auf seine Fragen, war jedoch nicht willens, auf der Ebene des belanglosen Interview-Smalltalks Zeit zu vertreiben, sondern amüsierte sich dabei, mit überraschenden Antworten den Gesprächsfluss immer wieder ins Stocken zu bringen. Ob sie sich dabei insgeheim etwas rächen wollte dafür, dass der Moderator mit seiner ersten Frage – wahrscheinlich ungewollt, aber doch auch ziemlich unbedacht – bei ihr eine grosse Betroffenheit ausgelöst hatte, oder ob sie sich einfach grundsätzlich über diese oberflächliche Art von Interviews lustig machen wollte, bleibe einmal dahingestellt. Jedenfalls ist sie ja eine derart gute Schauspielerin, dass sie es eigentlich nicht nötig hätte, sich auf diese Art eine noch grössere Publicity zu verschaffen. Vielleicht war es aber auch ganz anders. Vielleicht war das ganze Interview von der Fernsehanstalt von A bis Z inszeniert und es ging nur darum, mit einem derart missglückten TV-Beitrag den NDR wieder vermehrt ins Gespräch zu bringen über Youtube, Facebook usw.?

Und last but not least noch folgender Gedanke. Spätestens bei der zweiten Betrachtung des Interviews wird deutlich: So seltsam dieses Interview insgesamt auch erscheinen mag, so gibt es dennoch zumindest einige Dinge, die man dabei über Katja Riemann erfährt und die man in einem „ganz normal gelungenen Interview“ wohl nicht erfahren hätte. Doch schauen Sie selbst. Viel Spass!



Bob Schneider

06.03.2013

Ein Land im Glück - oder dort, wo Glück als Staatsziel definiert ist


Kürzlich bin ich im Netz über einen Artikel gestolpert, der mich faszinierte und irgendwie auch nachdenklich stimmte:
Er handelte von Bhutan, einem Land in Südasien, das etwa so gross wie die Schweiz ist. Im Süden grenzt es an die indischen Bundesstaaten und im Norden an Tibet. Was das Land aber so anders macht, ist der ehemalige König Jigme Singye Wangchuk, der Erfinder vom „Bruttonationalglück“. Bereits vor mehr als 30 Jahren entschied er, das Bruttonationalglück über das Bruttonationaleinkommen zu stellen. Nicht Wirtschaftswachstum sollte das wichtigste Entwicklungsziel des Landes sein, sondern das „Bruttonationalglück“. Damit ist gemeint: Jeder Mensch in Bhutan soll so glücklich wie möglich leben können und die Regierung schafft entsprechende Rahmenbedingungen. Zur Information an dieser Stelle die Definition im Wikipedia von „Bruttonationalglück (BNG)“: Es ist der Versuch, den Lebensstandard in breit gestreuter, humanistischer und psychologischer Weise zu definieren und somit dem herkömmlichen Bruttonationaleinkommen, einem ausschließlich durch Geldflüsse bestimmten Maß, einen ganzheitlicheren Bezugsrahmen gegenüberzustellen.

Im 2006 übernahm der Sohn des früheren Königs die Macht und 2008 fanden in Bhutan die ersten Wahlen statt. Seitdem gibt es eine Verfassung, in der Bruttonationalglück als Staatsziel verankert ist. Der junge König hat die Prämissen seines Vaters, die zu mehr Glück der Untertanen führen sollen, weitestgehend übernommen. Dazu gehört neben einer „guten Regierungsführung“ ein nachhaltiges und gerechtes Wirtschaftswachstum, der Erhalt der bhutanischen Kultur und Umweltschutz. 60 Prozent des Landes stehen unter Naturschutz, insbesondere die einzigartigen Himalayawälder, die in Nepal oder Tibet rücksichtslos abgeholzt wurden. Wer in Bhutan einen Baum fällt, muss zwei dafür nachpflanzen. Allerdings gab und gibt es auch viele Vorschriften: Zu offiziellen Anlässen müssen die Menschen traditionelle Kleidung tragen. Häuser dürfen nur im bhutanischen Stil gebaut werden. Rauchen, Werbung und Plastiktüten sind untersagt.

Diese menschenfreundliche Politik liegt an der buddhistischen Tradition des Landes. Nächstenliebe und Toleranz stehen seit jeher im Zentrum der Religion. Die Überwindung von Gier und anderen Schwächen soll zu innerer Ausgeglichenheit und Glück führen. Nach buddhistischer Vorstellung ist ein Zustand des Glücks sogar der ursprüngliche Zustand, in dem sich jeder Mensch befindet, der nicht von bösen Gedanken beherrscht wird. Durch Meditation und andere religiöse Praktiken kann er diesen Zustand wieder erreichen – als dauerhaften Zustand. Damit ist Glück nicht nur ein Moment kurzer Euphorie, wie wir uns im Westen dies meistens vorstellen. Der Besitz materieller Güter macht nach buddhistischen Vorstellungen nicht glücklich, wird aber auch nicht kategorisch abgelehnt. Vielmehr geht es darum, materielle und spirituelle Bedürfnisse in Einklang zu bringen.

Bei dieser Gelegenheit habe ich mir die 94 Seiten der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 zu Gemüte geführt und festgestellt, dass bei uns dem Wort „Freiheit“ sehr viel mehr Platz eingeräumt wird. Aber tatsächlich, mit dem Suchbegriff „Glück“ landete ich einen Treffer und musste dann doch ein wenig schmunzeln: „Übergangsbestimmung zu Art. 106 (Glücksspiele)“.

Jetzt könnte hier eine Diskussion über die Definition von Glück und „glücklich sein“ folgen…

Weitere Infos finden Sie:
http://www.welt.de/debatte/die-welt-in-worten/article13604103/Glueck-statt-Wachstum-als-Regierungsziel.html
http://www.zeit.de/2011/49/Kapitalismuskritik-Bhutan
http://de.wikipedia.org/wiki/Bruttonationalgl%C3%BCck

Ich wünsche euch einen schönen Tag und dass das Glück euch findet.

Karin Grisenti Schneider

EQ-Blog@iek.ch

27.02.2013

Muster brechen mit einer Chilereise…



Von langer Hand geplant, habe ich zusammen mit meinem Mann und unseren 3 Jungs eine zweimonatige Auszeit von der Arbeit und vom Alltag genommen. Wir wollten zwei Monate durch Chile und Argentinien reisen und vor allem eins: Zeit haben fürs ‚Zusammen-sein‘ und zusammen Neues erleben.

Ich war erst äusserst euphorisch, ist doch das Reisen eine meiner Leidenschaften. Der Einwand meiner Freundin: „bist du dir bewusst, dass du 7 Tage die Woche, rund um die Uhr deine Kinder um dich haben wirst, und dies ohne Spielsachen und ohne Schulkameraden und auf engem Raum? Dazu müsst ihr die Kinder auch noch unterrichten…also ich weiss nicht?!“ hat meine Vorfreude dann schon etwas getrübt, ihre Bedenken schienen mir nicht unbegründet….

Die Befürchtungen haben sich glücklicherweise nicht bestätigt: Die Reise wurde ein rundum tolles Erlebnis für die ganze Familie! Zusammen sein zu können ohne den manchmal stressigen Arbeitsalltag, einfach Zeit zu haben und ohne Druck den Tag zu erleben, hat sich für alle Beteiligten gelohnt und wird als schönes Abenteuer in die Familiengeschichte eingehen :-)

Voll wunderbarer Bilder und Eindrücke, vollgetankt mit Glücksgefühlen, Sonne und Energie, sind wir vor zwei Wochen wieder in der Schweiz gelandet. Etwas mulmig war mir dabei schon zumute, kannte ich doch solches ‚Heimkehren‘ auch von früheren Reisen: Man kommt aus einer farbenfrohen, meist sonnig-warmen Gegend in die graue, regnerische Schweiz zurück – und ist erst einmal ernüchtert: Zürich Flughafen: die Menschen sind vorwiegend grau/schwarz angezogen, bleich und rennen gestresst irgendwo hin…

Diesmal war der erste Eindruck nicht anders, trotzdem war das Ankommen ein anderes, denn:
  • Ich hatte meine 3 Söhne und meinen Mann dabei, die ebenfalls voll Sonne und Glück strahlten. 
  • Ich kam in ein für mich stimmiges Leben zurück, was vielleicht in früheren Jahren nicht ganz so der Fall war.
 Trotzdem gibt es ein paar Vorsätze, die ich von Chile mit nachhause gebracht habe: ich möchte versuchen, die Freiheitsgefühle, die innere Ruhe und Gelassenheit, die ich auf dieser Reise gespürt habe, hier in meinen Alltag zu integrieren. D.h. für mich persönlich vor allem: mich innerlich von äusseren Erwartungen freier zu machen. Und in dem Sinne mit einem ‚Muster‘ von mir brechen.

Der Artikel zum Thema ‚Musterbrecher‘ (s. Blog vom 5.2.13) stiess bei mir also auf offene Türen: Genau!! Es geht nicht vor allem darum, Richtlinien einzuhalten, Prozesse zu optimieren, etc. d.h. ein SOLL zu erfüllen (Psychoanalytisch gesprochen: dem Eltern- Ich zu folgen) sondern es geht darum, sich selber und seiner Leidenschaft zu folgen und die zu leben. D.h. Spass zu haben an dem was man tut (psychoanalytisch: dem Kind-Ich zu folgen). Und man SOLL nicht Spass haben, sondern der Spass entsteht von selbst, nämlich indem man dem nachgeht, was einen wirklich interessiert. Um das zu können, muss man einen Zugang finden zu seinen Emotionen, spüren was wirklich Spass macht, ungeachtet der Erwartungen, von denen man denkt, dass andere sie an uns haben (sog. Erwartungs-Erwartungen) und auch ungeachtet eigener Erwartungen. Das wiederum braucht Vertrauen. Vertrauen in sich selbst und Vertrauen in die Umwelt. Das ist einfacher gesagt, als getan, versteht sich, aber ich denke, ein Versuch lohnt sich!

Ursula Stalder


EQ-Blog@iek.ch

20.02.2013

Meine Spuren

Es war letzte Woche. Wir waren mit der Familie in einem kleinen Skiort in der Sportwoche und genossen den Winter. Ich hatte ein paar Stunden „familienfrei“ und war alleine auf der Piste unterwegs. Ich liess mich vom Lift auf 3000 Meter hinauf schleppen, gut eingemummelt weil der Wind stürmisch und kalt ins Gesicht blies. Hinter mir und vor mir war keine Menschenseele zu sehen und je weiter hinauf ich kam, desto dicker wurden die Wolken und beissender der Wind. Es war schon fast ein wenig gespenstig, so alleine im dichten Nebel unterwegs zu sein. Links und rechts blies der Wind Schnee über die Felskuppen, hoch in den Himmel hinauf. Ein schönes Naturschauspiel. Nach dem Abbügeln schnallte ich mir mein Snowboard an und wollte aufstehen. Eine Böe erfasste mich und warf mich kopfüber in den Neuschnee. Der zweite Versuch gelang besser. Der Wind erfasste mich und trieb mich auf der Traverse fast wie von magischer Hand vorwärts. Zum Glück genau in die richtige Richtung, denn mit dem Snowboard sind flache Traversen eher mühsam zu fahren. Dank den roten Stangen konnte man erahnen, wo die Piste sein musste. Sehen konnte man sonst praktisch nichts. So hatte ich mir meinen „Ausritt“ nicht vorgestellt.

Ich versuchte mich gerade etwas besser zu orientieren, als auf einmal der Himmel aufriss, die Wolken wie von magischer Hand weggewischt wurden und blauer Himmel und Sonnenschein zum Vorschein kamen. Es war wie im Märchen. Vor mir lag eine zauberhafte verschneite Winterlandschaft mit einem jungfräulich unberührten Tiefschneehang, der parallel zur Piste in ein kleines mit Felsen durchsetztes Tal hinabführte. Traumhaft! Und was für ein Kontrast zu dem eben noch vorherrschenden, undurchdringbaren Nebel. 

Eigentlich war alles klar, da musste ich runter. So was erlebte man nicht alle Tage. Aber auf einmal war mir dann doch noch etwas mulmig zu mute. Alleine auf weiter Flur, keine anderen Skifahrer oder Boarder sichtbar. Und wie lange behält die Sonne die Oberhand. Was ist wenn ich stürze und kaum mehr aus dem Powder herauskomme? Ich versuchte das Risiko so gut als möglich abzuwägen, prüfte noch den Empfang auf dem Handy und tauchte dann mit etwas Herzklopfen in den Hang hinein. Schon nach ein paar Metern waren alle Zweifel verflogen. Ich konnte es noch. Fast schwerelos und ohne Kraftanstrengung glitt ich hinunter. Eine schöne Kurve reihte sich an die andere und der aufgewirbelte Pulverschnee glitzerte in der Sonne wie Diamanten.

Was für ein erhabenes Gefühl in dieser Stille lautlos hinabzusausen und wunderbare Spuren zu hinterlassen. Unten angekommen, schaute ich lange zurück und liess das Bild auf mich wirken. Die Glückseligkeit pur! Das Zusammenspiel von Risikobereitschaft, Können und Erfolg war einfach kribbelig schön.

Heute sehe ich auch Pulverschnee, wenn ich aus dem Bürofenster hinaus schaue, doch jetzt habe ich mein Board wieder mit Laptop und Telefon vertauscht. Gerne würde ich in meinem Arbeitsalltag manchmal noch ein bisschen mehr von diesem „anderen Pulverschneegefühl“ spüren!

Bis bald

Simon Streit

EQ-Blog@iek.ch

05.02.2013

Musterbrecher und emotionale Intelligenz


Neulich nahm ich in Bern an einer Human Resources-Veranstaltung teil, in welcher Herr Prof. Dr. Hans A. Wüthrich einen äusserst spannenden und unterhaltenden Vortrag über sogenannte „Musterbrecher“ gehalten hat. Als einer der Kerngedanken habe ich von dort mitgenommen, dass Führungskräfte vermutlich mehr für ihre Unternehmen tun könnten, wenn sie sich weniger mit „Systemperfektionierung“ (beispielsweise durch immer präziser gestaltete Zielpyramiden und ausgeklügeltere MbO-Prozesse), dafür aber umso mehr mit aktiver „Kontextgestaltung“ (der Selbstkontrolle vertrauen und Leidenschaft zulassen) beschäftigen. Dies ist zwar kurzfristig weniger messbar, aber dafür umso wirkungsvoller und nachhaltiger.

Als Mitgründer des iek haben mich nicht nur dieser eine Gedanke, sondern vor allem auch die Herleitung und die dabei verwendeten Begrifflichkeiten erst einmal fasziniert. Ich habe dann auf der Website www.musterbrecher.de noch etwas rumgestöbert und bin schliesslich auf einen weiteren Artikel gestossen über Leadership und „Wettbewerbsvorteile 2. Ordnung“.

  
„Was soll denn das nun schon wieder sein?“dachte ich zuerst. Doch dann – nach eingehender Lektüre – war ich positiv überrascht. Was ich da soeben gelesen hatte, war das nicht einfach ein Plädoyer für eine Grundhaltung, die wir im iek eigentlich schon seit vielen Jahren vertreten, wobei es uns wohl bisher noch nie gelungen ist, dies so treffend und klar zu formulieren? Dabei ist die Unterscheidung von herkömmlichen Wettbewerbsvorteilen (solche „1. Ordnung“) und solchen 2. Ordnung ebenso simpel wie sinnvoll und unmittelbar einleuchtend. Während es bei der ersten Kategorie um die altbekannten Aspekte wie Produkt- und Dienstleistungsinnovation, um Qualitätsvorsprung und Markenstärke geht, steht bei der zweiten Kategorie vielmehr die Unternehmenskultur im Zentrum. Es geht um nichts anderes als um die Mitarbeitenden, die Freiräume erleben, sich mit Leidenschaft einbringen und dem Unternehmen die eigene Intelligenz und volle Schaffenskraft wirklich zur Verfügung stellen. Denn was ist wertvoller als Mitarbeitende zu haben, die vom eigenen Unternehmen begeistert sind und die keinen Grund haben, nicht ihr Bestes zu geben?

Aber wie erreicht man das? Wie kann es gelingen, bei den Mitarbeitenden längerfristig Freude und Begeisterung für die Arbeit zu entfachen? – Nun, wohl kaum durch perfekt strukturierte Prozesse und sauber formulierte Jobdescriptions. Damit kann man zwar kurzfristig die Effizienz steigern, aber die Herzen der Mitarbeitenden erreicht man damit sicher nicht. Wir kommen der Sache sicher schon etwas näher, wenn wir uns eine Führungskraft vorstellen, die es sich gewohnt ist, mit Emotionen im Berufsalltag ganz natürlich umzugehen und ihnen auch den nötigen Stellenwert zu geben. Auf diesem Weg gelingt es wahrscheinlich am ehesten, eine Lebenswelt zu schaffen, der man gerne angehört, ein Umfeld, in dem man sich wohl fühlt und vor allem einfach mal sich selbst sein kann. Das entspannt unheimlich und git ä gueti Luune!

Gefühle sind ansteckend – wie wir alle wissen. Und sie können sich dort am besten entfalten, wo sie grundsätzlich willkommen sind: In einer emotional intelligenten Unternehmenskultur. Musterbrecher müssen daher vor allem emotional intelligente Menschen sein!

Viel Spass beim Experimentieren und beim Schaffen von Wettbewerbsvorteilen 2. Ordnung wünscht Ihnen

Bob Schneider

EQ-Blog@iek.ch

17.01.2013

Können Introvertierte führen?


Organisiert sich eine Arbeitsgruppe neu beispielsweise im Rahmen von Workshops, Jurys usw., so wird nach meinen Erfahrungen fast immer eine extrovertierte Persönlichkeit ihr Sprecher und „Anführer“, nicht nur, weil sich diese Person selber geeignet für diese Rolle sieht, sondern auch, weil die anderen diese Person dort sehen.

Als eher introvertierte Personen dagegen hinterlasse ich eher eine andere Wirkung und höre zwischendurch auch Ratschläge wie:
  • “Du musst Dich besser verkaufen. Mehr aus Dir raus gehen.”
  • “Du bist so ruhig. Stimmt was nicht?”
  • “Als Führungskraft müssen Sie brennen, ein Vorbild sein, Ihre Leute begeistern.”

Wir entwickeln uns immer mehr zu einer extrovertierten Gesellschaft nach amerikanischem Vorbild. Auch meine Kinder in der Schule werden schon stark danach beurteilt, ob sie vor der Klasse Vorträge halten, schlagfertige Antworten geben und gut rüberkommen können, was dann bei Elterngesprächen zu Rückmeldungen führt wie: „A. sollte sich mehr melden … sich weniger zurückhaltend zeigen …“

Jede und jeder soll charismatisch wirken, andere mitreissen, den Schein des Rampenlichts nutzen können. Extrovertierten entspricht das, es ist ihre Natur. Für Introvertierte ist das aber deutlich schwerer, es entspricht nicht ihrem Naturell und sie fühlen sich dann möglicherweise auch minderwertig, den Anforderungen nicht gewachsen.

Das Buch “Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt”[1] von Susan Cain setzt sich u.a. auch kritisch mit dem Mythos des charismatischen Führers auseinander. Sie hat einige Unterschiede zwischen Introvertierten und Extravertierten herausgearbeitet und mit Studien belegt. Das Buch macht Introvertierten Mut, die eigene Introversion zu erkennen und anzunehmen, hilft aber auch Extrovertierten, ihre Mitmenschen besser zu verstehen. Introvertierte haben ihre eigenen besonderen Stärken. Aufgrund dieser Stärken können sie – um die Frage im Titel zu beantworten – ebenfalls gute Führungskräfte sein:
  • Sie können gut zuhören. Eine Fähigkeit, die nicht nur für Verkäufer, Verhandler und Mediatoren von zentraler Bedeutung ist.
  • Sie sind unabhängig von der Meinung anderer. Im Gegensatz zu Extrovertierten laufen Introvertierte nicht so leicht Gefahr, anderen gefällig sein zu wollen.
  • Sie sind vorsichtig. Das schützt auch vor allzu schnellen Urteilen.
  • Sie können sich konzentrieren. Während Extrovertierte dazu neigen, Dinge halbfertig liegen zu lassen, bleiben “Leise” bei der Sache.
  • Sie verbreiten Ruhe und können analytisch denken. Besonders in schwierigen Situationen schätzt man diejenigen, die den Überblick behalten.
  • Sie können in der Regel gut schreiben.
  • Und sie sind beharrlich. Ein Grund, warum so viele Introvertierte in gehobenen Positionen zu finden sind. Denn Beharrlichkeit ist die eine, wesentliche Voraussetzung für Erfolg!

Natürlich bringen beide Typen – intro- und etravertierte Menschen – ihre je eigenen Stärken und Schwächen mit. Jedoch scheint es mir wichtig, auch einmal für uns introvertierte Partei zu ergreifen. Bleiben wir unserem bevorzugten Denken und Verhalten treu und nutzen die damit verbundenen Stärken, ohne uns dem vorherrschenden Kult der Extraversion unterzuordnen.


Bis bald

Stephan Arnold




EQ-Blog@iek.ch

[1] http://www.amazon.de/Still-Bedeutung-Introvertierten-einer-lauten/dp/3570500845/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1330880273&sr=8-1