26.04.2012

Im Team über Befindlichkeiten zu sprechen macht stark

Im Umgang mit Neuem, Veränderungen und Druck spielen Gefühle eine wesentliche Rolle. Sind es negative Gefühle und werden diese ignoriert oder ausschliesslich auf einer sachlichen Ebene abgehandelt, verstärkt sich in der Regel eine eher defensive abwartende Haltung. Wie Mitarbeitende eine Veränderung aufnehmen oder mit Druck umgehen, hängt davon ab, inwieweit sie glauben, Kontrolle zu haben oder nicht.

Wir schauen bei nicht selber initiierten Veränderungen selten auf die Chancen und auf die positiven Seiten. Jede Veränderung wird von uns erst einmal auf ihre Bedrohlichkeit überprüft. Bei kleineren und grösseren Veränderungsprojekten ist – neben einer guten Informationspolitik, der schrittweisen Einführung usw. - wichtig, dass auch über Sorgen und Ängste und den Umgang damit geredet wird. Wenn wir keine Gelegenheit haben, über unsere Sorgen zu sprechen, gehen die Ängste in den Untergrund und schlagen sich dann in den unterschiedlichsten Abwehrstrategien nieder wie Widerstand, Gerüchten, Spekulationen und Katastrophen-Phantasien.

Das Sprechen über den eigenen Umgang mit Neuem oder mit Druck eröffnet neue Perspektiven und ermöglicht die gegenseitige Unterstützung im Team. Wenn jede Person von der anderen weiss, mit welchen Sichtweisen sie unterwegs ist, was sie braucht und was sie bereit ist zu geben, kann das bereits sehr entlastend sein und den Glauben an eigene Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten erhalten oder wieder aufbauen.

Es hat sich in verschiedenen Teams bewährt, zwischendurch „Befindlichkeitsrunden“ durchzuführen, in denen die Mitarbeitenden explizit aufgefordert werden, ihre Erfahrungen, ihre Befürchtungen, ihre Ärgernisse aber auch ihre Freuden zu formulieren. Solche Befindlichkeitsrunden haben mehrere positive Auswirkungen:
  • Formulierte, einmal beim Namen genannte Gefühle und Stimmungen (z.B. Befürchtungen, Ärgernisse) sind in der Regel weniger belastend, es kann darüber gesprochen werden.
  • Man hört, wie es anderen geht und wie andere mit der Situation umgehen. Das ermöglicht einerseits Verständnis für gewisse Verhaltensweisen und Reaktionen der anderen, andererseits zeigt es einem mögliche weitere Sicht- und Verhaltensweisen auf.
  • Man bringt in Erfahrung, was andere zur Unterstützung brauchen könnten. Durch den Austausch von Unterstützungsbedarf und Unterstützungsmöglichkeiten kann die Zuversicht zur Bewältigung herausfordernder Situationen gesteigert werden.
  • Ein solcher Austausch kann auch Anregungen geben, neue Lösungen auszuprobieren.

Empfehlung:
  • Durchführung bei besonderen Vorkommnissen, zu spezifischen Themen oder ca. alle zwei Monate.
  • Zeit je nach Teamgrösse auf ca. 10-20 Min. begrenzen. Es geht nicht um inhaltliche Diskussionen, sondern darum, dass sich jede und jeder kurz dazu äussert, was beruflich Sorgen bereitet oder was in letzter Zeit Freude bereitet hat.
  • Die unterschiedlichen Sichtweisen werden stehen gelassen und wirken bei jeder und jedem Einzelnen individuell nach. Wichtige Themen, die inhaltlich bearbeitet werden sollten, werden als Traktandum in die nächste Teamsitzung aufgenommen.


Bis bald

Stephan Arnold

EQ-Blog@iek.ch

11.04.2012

Umgang mit Emotionen oder „wenn ein Ei nach Gefühl kocht“

Kennen Sie den Sketch „Das Frühstücksei“ von Loriot? In diesem bekannten Sketch kommt gut zum Ausdruck, dass man – wie die bekannten Thesen des Kommunikationswissen-schaftlers Paul Watzlawick besagen – a) nicht nicht kommunizieren kann und b) die Empfängerin/der Empfänger darüber entscheidet, wie sie/er den Inhalt aufnimmt und interpretiert, sowohl auf der sachlichen als auch auf der emotionalen Ebene.



Das Frühstücksei (nach Loriot) – auch zu finden auf http://www.youtube.com/watch?v=bHR_aU1TKZ8

Ein Ehepaar sitzt am Frühstückstisch. Der Ehemann hat sein Ei geöffnet und beginnt nach einer längeren Denkpause das Gespräch.

Er: Berta!
Sie: Ja ...
Er: Das Ei ist hart!
Sie: schweigt
Er: Das Ei ist hart!
Sie: Ich habe es gehört…
Er: Wie lange hat das Ei denn gekocht...
Sie: Zu viel Eier sind gar nicht gesund...
Er: Ich meine, wie lange dieses Ei gekocht hat...
Sie: Du willst es doch immer viereinhalb Minuten haben...
Er: Das weiss ich...
Sie: Was fragst du denn dann?
Er: Weil dieses Ei nicht viereinhalb Minuten gekocht haben kann!
Sie: Ich koche es aber jeden Morgen viereinhalb Minuten!
Er: Wieso ist es dann mal zu hart und mal zu weich?
Sie: Ich weiss es nicht ... Ich bin kein Huhn!
Er: Ach! ... Und woher weisst du, wann das Ei gut ist?
Sie: Ich nehme es nach viereinhalb Minuten heraus, mein Gott!
Er: Nach der Uhr oder wie?
Sie: Nach Gefühl ... eine Hausfrau hat das im Gefühl ...
Er: Im Gefühl? ... Was hast du im Gefühl?
Sie: Ich habe es im Gefühl, wann das Ei weich ist...
Er: Aber es ist hart ... vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht ...
Sie: Mit meinem Gefühl stimmt was nicht? Ich stehe den ganzen Tag in der Küche, mache die Wäsche, bring deine Sachen in Ordnung, mache die Wohnung gemütlich, ärgere mich mit den Kindern rum und du sagst, mit meinem Gefühl stimmt was nicht?
Er: Jaja ... jaja ... jaja ... wenn ein Ei nach Gefühl kocht, dann kocht es eben nur zufällig genau viereinhalb Minuten!
Sie: Es kann dir doch ganz egal sein, ob das Ei zufällig viereinhalb Minuten kocht ... Hauptsache, es kocht viereinhalb Minuten!
Er: Ich hätte nur gern ein weiches Ei und nicht ein zufällig weiches Ei. Es ist mir egal, wie lange es kocht!
Sie: Aha! Das ist dir egal ... es ist dir also egal, ob ich viereinhalb Minuten in der Küche schufte!
Er: Nein – nein ...
Sie: Aber es ist nicht egal ... das Ei muss nämlich viereinhalb Minuten kochen.
Er: Das habe ich doch gesagt!
Sie: Aber eben hast du doch gesagt, es ist dir egal!
Er: Ich hätte nur gern ein weiches Ei ...
Sie: Gott, was sind Männer primitiv!
Er: (düster vor sich hin) Ich bringe sie um ... morgen bringe ich sie um ... 


Die Vielzahl der Absichten beim Sender und die Vielzahl der Interpretationen beim Empfänger können zu grossen und schliesslich auch schwer überbrückbaren Missverständnissen führen! Am Ende des Sketchs sagt die Frau: „Gott, was sind Männer primitiv!“ und der Mann: (düster vor sich hin) „Ich bringe sie um ... morgen bringe ich sie um ... .“ Was braucht es aber, dass sich Emotionen und Konflikte nicht in ähnlich destruktiver Weise aufschaukeln?

Im Rahmen eines emotional kompetenten Umgangs miteinander spielt die Empathie, das Einfühlungsvermögen oder im Minimum die Perspektivenübernahme eine zentrale Rolle. Dieses Verstehen kommt im Loriot-Sketch in der Kommunikation zwischen dem Mann und der Frau weder bei ihm noch bei ihr zustande. Will man es selber besser machen, dann geht es auch darum, sich emotional kompetent zu verhalten[1].

Entscheidende Faktoren der emotionalen Kompetenz
Eine Voraussetzung, um sich in andere einzufühlen und mit deren Emotionen kompetent umzugehen, ist es, auch seine eigenen Gefühle wahrnehmen zu können und einen konstruktiven Umgang damit zu pflegen. Das heisst, sie weder unkontrolliert auszuagieren noch sie zu unterdrücken oder zu verdrängen. Im Folgenden sind fünf entscheidende Faktoren emotionaler Kompetenz aufgeführt[2]:
  • Selbstwahrnehmung: Emotionen haben einen starken Einfluss auf unser Denken und Handeln, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist deshalb nicht, ob wir Emotionen zulassen oder nicht, sondern ob wir uns unserer Emotionen bewusst sind oder nicht.
  • Kontrolle und Selbststeuerung: Wir müssen sie aber nicht nur wahrnehmen sondern auch „managen“ können, anstatt ihnen ausgeliefert und von ihnen überrollt zu werden. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass es nie nur das Ereignis selbst ist, das unsere Gefühle auslöst, sondern dass unsere Wahrnehmung und Bewertung der Ergebnisse einen wesentlichen Einfluss ausübt, welche Gefühle weiter aktiviert werden. Je früher es uns gelingt, unsere eigenen Bewertungen zu reflektieren und allenfalls zu verändern, desto grösser die Chance, dass sich die (negativen) Gedanken und Gefühle nicht hochschaukeln.
    Eine andere Variante der Selbststeuerung kann sein, die Situation zwischenzeitlich zu verlassen. Nach einem kurzen „Durchlüften“ fällt es uns vielfach leichter, unsere Gedanken und Bewertungen zu sortieren.
  • Verbalisieren: Erst wenn wir unsere Gefühle in Worte fassen, sind sie für andere genauer nachvollziehbar und es wird möglich, dass auf sie eingegangen wird. Zudem ist man Gefühlen, die in Worte gefasst sind, selber nicht mehr so ausgeliefert und man schafft eine gesunde Distanz zu ihnen.
  • Empathie: Um aufkeimende Konflikte zu lösen oder sie gar nicht erst entstehen zu lassen, ist ein gutes Mass an Empathie entscheidend, die Fähigkeit, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrnehmen und verstehen zu können (verstanden haben heisst aber nicht, einverstanden sein!).
  • Mit Emotionen anderer umgehen: Das kann beispielsweise so aussehen, dass wir die wahrgenommenen Gefühle verbalisieren und dem Gegenüber somit zeigen, dass wir es emotional verstanden haben. Das kann ein wichtiger Schlüssel zur Konfliktlösung sein. Denn die meisten Menschen gehen dann auf andere zu, wenn sie sich von ihnen verstanden und als Personen akzeptiert fühlen.

Was würden Sie dem Mann und der Frau im Loriot-Sketch nun für Tipps geben? Kennen Sie ähnliche Situationen aus Ihrem beruflichen oder privaten Umfeld und wie werden Sie zukünftig damit umgehen? Diese beiden Fragen gebe ich Ihnen gerne auf den Weg.


Bis bald

Stephan Arnold

EQ-Blog@iek.ch

[1] Ist die Sache schon zu verstrickt, kann der Beizug einer Mediatorin oder eines Klärungshelfers gute Dienste leisten.
[2] - Golemann Daniel (1997). Emotionale Intelligenz. dtv; - Schmidt Thomas (2009). Konfliktmanagement-Trainings erfolgreich leiten. managerSeminare



05.04.2012


Monolog vs. Dialog




Was haben Kindererziehung und Autofahren miteinander zu tun? Eigentlich gar nichts, denken Sie spontan. Oder vielleicht doch? Bei mir haben sie auf jeden Fall eine frappante Gemeinsamkeit. Bei beiden gerate ich mit schöner Regelmässigkeit an meine emotionalen Grenzen. Und dies, obwohl ich Autofahren eindeutig zu meinen Kernkompetenzen zähle (viele andere offenbar auch). Dass ich Autofahren kann, oder zumindest darf, habe ich mit einem Ausweis verbrieft, da gibt’s also keine Zweifel. Dass ich so kompetent bin und ein Kind erziehen kann, wird von der Gesellschaft vorausgesetzt und vermutet. Jedenfalls ist die Kindererziehung bis heute noch prüfungsfrei und jedem erlaubt. Aber das ist ein anderes Thema.
Die Gründe, wieso ich beim Kindererziehen und Autofahren immer wieder - und manchmal auch ziemlich rasch - aus der Haut fahren könnte, sollen hier aber nicht aufgedeckt werden. Es wäre ein zu weites Feld und würde einen zu tiefen Einblick in die Seele des Bloggers gewähren. Der Fokus liegt mehr beim unterschiedlichen Umgang mit den Emotionen.   

Beim Autofahren kann ich meine Gefühle hemmungslos und unverblümt verbalisieren, meinem Rückspiegel alles anvertrauen und richtig vom Leder ziehen. Nach diesem befreienden, nicht immer ganz jugendfreien, „Monolog“  geht’s mir viel besser und der Ärger ist bald einmal verraucht. Aber gelöst ist nichts. Der oder die andere ist im Verkehr verschwunden und hat wahrscheinlich gar nicht mitbekommen, wie ich mich geärgert habe und wird sich immer wieder so verhalten. Und ich werde mich immer wieder ab ähnlichen Situationen aufregen. Insofern ist mein „Monolog“ nicht viel mehr als Dampf ablassen, aber immerhin.
Bei der Kindererziehung widerstehe ich den Versuchungen, mich ebenso laut zu äussern, manchmal nur knapp. Denn der Dreikäsehoch spielt gekonnt auf der Klaviatur der Emotionen seiner Eltern und kann ganz schön nerven. Grenzen auszuloten, gehört offenbar zum Erwachsenwerden. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, dem stelle ich mich mittlerweilen mit Geduld und Gleichmut.
Im Unterschied zum Autofahren habe ich bei Meinungsverschiedenheiten mit dem Dreikäsehoch ein Gegenüber und somit die Möglichkeit zu kommunizieren, meinen Standpunkt klar zu machen und durchzusetzen. Das ist nicht immer einfach, mache ich aber mit Einfühlungsvermögen, Respekt und Wertschätzung. In den meisten Fällen auch mit der notwendigen Klarheit und Bestimmtheit. Im grossen und ganzen fahre ich mit Zuhören und Erklären eigentlich ganz gut. Rückschläge gibt’s natürlich immer wieder. Aber am Schluss des „Dialogs“ sind wir in der Regel beide zufrieden, dass wir das Problem gelöst haben und uns wieder verstehen und vertragen. Die Nerven sind beruhigt, die negativen Gefühle machen langsam wieder positiven Gefühlen Platz und im besten Fall freuen wir uns schon wieder auf etwas Neues.
So ein „Dialog“ ist anspruchsvoll, mühsam durchzustehen und zeitraubend. Wenn alles durchgestanden ist, macht es aber auch viel Freude, dass wir zusammen weitergekommen sind und aus dem Konflikt etwas dazu gelernt haben. Deshalb spricht eigentlich alles für den Dialog und nichts für den einsamen Monolog im Auto, oder?
Ich wünsche Ihnen schöne Osterferien und hoffe, dass Sie in keinen Verkehrsstau kommen.  Falls doch, gehen Sie sparsam mit Monologen um….

Freundliche Grüsse Simon Streit

21.03.2012

Zwischen Empathie und Projektion

Talli ist witzig, neugierig, intelligent und vor allem ist er süss. Er freut sich seines Lebens, mag Menschen und ist immer guter Laune. Talli - der junge Trüffelhund, der sich in mein Herz geschlichen hat und seit bald 18 Monaten zu unserem Alltag gehört.

Es ist Donnerstag, ein vollgepackter Arbeitstag neigt sich dem Ende entgegen und langsam wird es Zeit für mich, ins abendliche Pilates -Training zu fahren. Da sitzt er nun stramm auf seinem Hintern und schaut unverwandt zu mir hoch. Ist das jetzt ein trauriger oder sogar schon ein vorwurfsvoller Blick, der mich da unvermittelt aus diesen braunen Hundeaugen trifft? Will er mir etwa mitteilen, dass er doch heute noch gar nicht auf seine Rechnung gekommen ist und er entschieden gegen meine Fitness-Studio-Pläne, dafür um so mehr für einen langen gemeinsamen Spaziergang ist?

Ich bin doch keine Raben-Hundemutter! Schlechtes Gewissen überfällt mich und das Pilates-Training ist auf morgen verschoben.



Auf der Heimfahrt kreisen meine Gedanken um die Frage, inwiefern Hunde wohl wirklich echte Emotionen haben können. Kann Talli denn tatsächlich einen vorwurfsvollen Blick haben? Kann er wirklich traurig sein und ist das ein guter Grund, meine Pläne danach auszurichten? Was ist echt und was nur Einbildung? Wo ist die Grenze zwischen einer halbwegs empathischen Hundebesitzerin und einer „fanatischen Hündelerin“ voller Projektionen? Wann empfinde ich wirklich mit dem Hund – und wann bilde ich mir dies bloss ein? Wann wird der Hund zur Projektionsfläche für irgendwelche Bedürfnisse oder Ängste, die mehr mit dem Hundebesitzer als mit dem Hund zu tun haben?

Ich komme zum Schluss, dass ich diese Fragen wohl nie mit letzter Gewissheit werde beantworten können. Und ganz automatisch mache ich einen Vergleich dazu, wie sich diese Sache mit der Empathie bei den Menschen untereinander verhält. Gibt es nicht auch da immer wieder Situationen, in denen es sich lohnt genauer hinzuschauen und zu überprüfen, wo die Empathie aufhört und die Projektion beginnt? – Ich denke schon. Ein wesentlicher Vorteil, den die Menschen allerdings im Kontakt untereinander haben liegt darin, dass sie sich gegenseitig fast jederzeit fragen können. Wir können unsere Mitmenschen fragen, ob unser Gefühl oder unser Eindruck stimmt. Und wir können dann eine Antwort bekommen. Vielleicht sollten wir dies öfters tun und von diesem natürlichen Vorteil vermehrt Gebrauch machen.

Und bei Talli werde ich mir einfach Mühe geben, einen pragmatischen Umgang mit seinen und meinen Bedürfnissen zu finden. Einmal Pilates-Training und einmal langer Hundespaziergang.


Bis bald

Karin Grisenti

EQ-Blog@iek.ch

29.02.2012

Emotionale und soziale Kompetenz: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Dass diese beiden Kompetenzen Gemeinsamkeiten aufweisen, erscheint klar: Intuitiv weiss man, dass jemand ohne diese Kompetenzen bei der Realisierung von beruflichen und privaten Lebenszielen erhebliche Schwierigkeiten hat. Beide Kompetenzen sind nicht unbedingt genetisch determiniert, sondern werden im Laufe des Lebens erworben, modifiziert und ausgebaut. Die Grundlage für diese Kompetenzen wird, wie für vieles andere, in jungen Jahren gelegt. Man weiss heute, dass die Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung – ein zentrales Element für das Wohlbefinden in unseren Leben - beeinträchtigt wird, wenn diese Grundlage fehlt. Glücklicherweise ist unser Gehirn wandelbar und wir lebenslang lernfähig. So können Defizite durch Selbstreflektion, Feedback und anhand konkreter Erfahrungen ausgeglichen werden.

Andere bemerkenswerte Ähnlichkeiten werden ersichtlich, wenn man die wissenschaftlichen Definitionen von Thorndike (1920) zu sozialer Intelligenz (wird häufig als Synonym verwendet für soziale Kompetenz) und die Definition emotionaler Intelligenz (wird häufig als Synonym verwendet für emotionale Kompetenz) von Mayer et al. (2000) betrachtet: Während soziale Intelligenz hier beschrieben wird als die Fähigkeit, andere zu verstehen und in interpersonalen Beziehungen klug zu handeln, bezieht sich emotionale Intelligenz auf die Wahrnehmung und den Ausdruck von Emotion, auf das Verstehen sowie auf die Regulation von Emotionen bei sich selbst und bei andern.

Beide Definitionen beinhalten sowohl kognitive als auch verhaltensbezogene Kompetenzen, wobei sich einige Prozesse auch überlappen. Zum Beispiel bedeutet die Fähigkeit, Emotionen anderer beeinflussen zu können auch die Kompetenz, seine eigenen zu regulieren, indem man eine Strategie auswählt und sich entsprechend darauf einstellt.

Ich möchte hier keine wissenschaftlichen Definitionsfragen erörtern, trotzdem aber aus Sicht des iek Stellung beziehen:

Unserer Auffassung nach bildet die emotionale Kompetenz die Grundlage der sozialen Kompetenz. Folgende Überlegungen stehen dahinter: Solange man sich seiner eigenen Gefühle nicht gewahr ist, keinen Zugang dazu hat und sie nicht in einer angemessenen Form regulieren kann, ist man auch nicht wirklich dazu in der Lage, in einem sozialem Kontext die Gefühle anderer zu erkennen und zu regulieren. Das heisst: ohne emotionale Kompetenz gibt es keine soziale Kompetenz.

In unserem Kompetenzmodell sind wir sogar noch einen Schritt weitergegangen und haben die soziale Kompetenz als einen Teilaspekt emotionaler Kompetenz beschrieben. Mehr dazu erfahren Sie unter → www.iek.ch/about/pdf/kompetenzmodell.pdf .

Bis bald

Ursula Stalder

EQ-Blog@iek.ch

15.02.2012

Emotionen – erleiden oder erleben?

Woran liegt es, ob wir einer Emotion passiv ausgeliefert sind oder ob wir sie bewusst und aktiv erleben – vielleicht sogar beeinflussen können? Gibt es einfach verschiedene Arten von Emotionen, die sich nicht alle gleich verhalten? Oder liegt es am Ende vielleicht auch ein bisschen an uns selbst?

Daniel Goleman hat den Begriff der emotionalen Intelligenz in den 90er Jahren so richtig populär gemacht und damit auch – zumindest indirekt - die wissenschaftliche Forschung beeinflusst bzw. deren wachsendes Interesse an dieser Thematik mit verursacht. So häufen sich erfreulicherweise seit einigen Jahren die Forschungsbeiträge rund um das Thema der emotionalen Welt. Doch gleichzeitig fällt die Bilanz heute noch ernüchternd aus. Aaron Ben-Ze’ev, ein führender Emotionsforscher, schätzt die aktuelle Situation beispielsweise wie folgt ein: „Emotionen spielen zwar eine zentrale Rolle in unserem Leben und sind für alle von Interesse. Gleichwohl gehören die Natur, die Ursachen und die Folgen von Emotionen zu den am wenigsten verstandenen Aspekten menschlicher Erfahrung“ (aus: Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz, Suhrkamp, 2009).

Während die gegenwärtige wissenschaftliche Debatte über das, was Gefühle sind, stark von der aktuellen Hirnforschung dominiert wird, eröffnet ein zusätzliches Sich-Einlassen auf ältere philosophische Schriften einen überaus spannenden Einblick in Fragestellungen und Aussagen von überraschender Aktualität:

Eine der zentralen philosophischen Fragestellungen im Zusammenhang mit Emotionen besteht im sogenannten „Zurechnungsproblem“. So ist es unklar, ob wir einem Menschen eine Emotion als etwas zuschreiben können, das er irgendwie lenken oder kontrollieren kann und für das er letztlich auch die Verantwortung zu tragen hat. Emotionen haben diesbezüglich einen ziemlich ambivalenten Charakter. Einerseits scheinen sie Phänomene zu sein, die wir in der Tat steuern können, indem wir sie gezielt in uns entfachen oder mässigen. So können wir uns zum Beispiel ganz bewusst ein bestimmtes Musikstück anhören, von dem wir aus Erfahrung wissen, welche Emotion es in uns auslösen wird. Oder wir können zur Zeitung greifen und so viele Artikel wie möglich über exorbitante Managerlöhne lesen, bis wir zornig werden und zu schimpfen beginnen. Wir können aber auch versuchen, die komplexen ökonomischen Zusammenhänge zu verstehen und dadurch unseren Zorn allenfalls zu mässigen, oder wir können ganz einfach unsere Aufmerksamkeit wieder einem andern Thema zuwenden und dadurch ebenfalls unseren emotionalen Zustand verändern. Andererseits gibt es aber auch Emotionen, die uns quasi überfallen und die wir nicht beeinflussen können. Wer sich Hals über Kopf verliebt hat, wird von einem stürmischen Gefühl gepackt, das sich durch keine rationale Überlegung mässigen oder gar tilgen lässt – man ist diesem Gefühl einfach ausgeliefert.

Wie können aber Emotionen etwas sein, das wir einerseits aktiv hervorbringen und steuern können, andererseits aber auch etwas, das wir passiv erfahren und das uns geradezu überfällt? Gibt es zwei Arten von Emotionen – aktive und passive? Oder haben alle Emotionen einen aktiven und einen passiven Aspekt? Und wofür können wir verantwortlich gemacht werden: nur für die Emotionen, die wir selber steuern können? Doch wie weit reicht die Steuerbarkeit? Können wir quasi auf Knopfdruck den Zorn mässigen oder gar abstellen, indem wir eine geeignete Technik anwenden oder uns passende Gedanken machen? Oder gibt es auch hier ein Element, das der Kontrolle entzogen ist?

Stellvertretend für andere soll hier kurz am Beispiel von Baruch de Spinoza (1632-1677) aufgezeigt werden, wie man sich diesem Fragenkomplex in der Philosophie früher angenähert hat und welcher Beitrag zur aktuellen Debatte rund um die emotionale Intelligenz dadurch geleistet worden ist:

Spinoza unterscheidet grundsätzlich zwischen aktiven und passiven Emotionen, wobei er davon ausgeht, dass wir uns insofern von der „menschlichen Knechtschaft“ befreien können, als es uns gelingt, durch eigene rationale Tätigkeit aktive Emotionen hervorzubringen. Dadurch können wir die passiven Emotionen, die unwillkürlich in uns entstehen, abschwächen und im besten Fall neutralisieren. Die entscheidende Tätigkeit liegt dabei im Bilden von adäquaten Ideen und Erklärungszusammenhängen. Dazu ein Beispiel: Karl ist zunächst traurig, dass nur zwei Freunde an seiner Geburtstagsfeier erschienen sind. Dann bringt er allerdings aktiv in Erfahrung, dass die anderen geladenen Gäste leider verhindert sind, dass sie aber an ihn gedacht und sich am Geschenk beteiligt haben. Wenn Karl diese Informationen nun verbindet und einen Erklärungszusammenhang herstellt, kann er der passiven Traurigkeit eine aktive Freude entgegensetzen. Dabei liegt der entscheidende Punkt für Spinoza einzig darin, dass Karl aus seiner subjektiven Sicht in der konkreten Situation einen Erklärungszusammenhang herstellt. Selbst dann, wenn es ihm dadurch nicht sogleich gelingen sollte, eine emotionale Veränderung herbeizuführen, lohnt sich sein Aufwand, weil er sich dann nicht einfach in einem aufgezwungenen Zustand befindet, sondern einsieht, warum er sich in diesem Zustand befindet. Es macht also nach Spinoza einen entscheidenden Unterschied, ob ich einfach traurig bin und passiv darunter leide oder ob ich mich aktiv damit auseinandersetze und mir ein möglichst realistisches Bild davon machen kann, warum ich traurig bin. Wir sind zwar immer äusseren Einflüssen ausgesetzt und können uns diesen nie vollständig entziehen, aber wir haben immer auch die Möglichkeit, ihnen eine innere Aktivität entgegenzusetzen und damit unseren emotionalen Zustand zu verändern. Emotional intelligent handelt somit, wer dem passiven Erleiden von Emotionen ein aktives Generieren von neuen Emotionen entgegensetzen kann, indem er möglichst adäquate Erklärungszusammenhänge zu den passiven Emotionen bildet.

Bis bald

Bob Schneider

EQ-Blog@iek.ch

01.02.2012

Wie der EQ die Teamleistung beeinflusst

Wenn Sie den Auftrag bekommen, ein Hochleistungsteam zusammenzustellen, um ein bestimmtes Problem zu lösen, wen würden Sie auswählen? – Dem ersten Gedanken folgend, würde man wohl ein Team von ausgewiesenen Fachleuten auf ihrem Gebiet zusammenstellen. In der Interaktion und im Austausch sollen sich diese Fachleute gegenseitig anregen und weiterbringen, denn bekanntlich lebt die Gruppenleistung von Synergieeffekten, so dass 1+1=3 ergibt. Logisch, oder?

Forscher um Anita Williams Woolley* von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh haben aber einen anderen Faktor entdeckt, der die kollektive Intelligenz von Teams stärker mitbestimmt als die durchschnittliche individuelle Intelligenz der Teammitglieder. In ihrer Untersuchung haben sie 699 Versuchsteilnehmer in kleinere Teams von zwei bis fünf Personen eingeteilt und ihnen diverse Aufgaben gestellt; beispielsweise das Lösen von Puzzels, das Verhandeln über begrenzte Ressourcen oder das Treffen einer schwierigen moralischen Entscheidung. Dabei stellte sich heraus, dass nicht die Intelligenz und das fachliche Wissen der einzelnen Teammitglieder die stärkste Voraussagekraft auf die Teamleistung bzw. die kollektive Intelligenz des Teams hatten. Die „soziale Sensibilität“ der einzelnen Teammitglieder, also die Fähigkeit, die Gefühle der anderen wahrzunehmen, stellte sich als entscheidender Faktor für die Effektivität eines Teams heraus. Zudem war die kollektive Intelligenz in denjenigen Teams höher, in denen alle Mitglieder etwa gleich häufig zu Wort kamen. Teams, die von einer Person dominiert wurden, taten sich weitaus schwerer bei der Problemlösung. Darüber hinaus besassen Teams mit einem hohen Frauenanteil eine grössere kollektive Intelligenz als Teams mit weniger weiblichen Mitgliedern. (Verfügen Frauen im Durchschnitt also tatsächlich über eine höhere soziale Sensibilität als wir Männer?)



Im Nachhinein betrachtet ist es eigentlich logisch: für eine gute und gegenseitig befruchtende Zusammenarbeit braucht es ein Gefühl für andere Menschen. Wenn man keine Antenne dafür hat, wie man mit anderen spricht, auf sie eingeht oder sich selber angemessen in den Prozess einbringt, dann wird es schwierig. – Aber ganz ehrlich, wie werden Sie die Frage am Anfang dieses Beitrags in fünf Tagen beantworten?

Bis bald

Stephan Arnold

EQ-Blog@iek.ch

*Anita Williams Woolley, Christopher F. Chabris, Alex Pentland, Nada Hashmi, and Thomas W. Malone (2010). Evidence for a Collective Intelligence Factor in the Performance of Human Groups. Science 29 October 2010: 686-688.