21.03.2012

Zwischen Empathie und Projektion

Talli ist witzig, neugierig, intelligent und vor allem ist er süss. Er freut sich seines Lebens, mag Menschen und ist immer guter Laune. Talli - der junge Trüffelhund, der sich in mein Herz geschlichen hat und seit bald 18 Monaten zu unserem Alltag gehört.

Es ist Donnerstag, ein vollgepackter Arbeitstag neigt sich dem Ende entgegen und langsam wird es Zeit für mich, ins abendliche Pilates -Training zu fahren. Da sitzt er nun stramm auf seinem Hintern und schaut unverwandt zu mir hoch. Ist das jetzt ein trauriger oder sogar schon ein vorwurfsvoller Blick, der mich da unvermittelt aus diesen braunen Hundeaugen trifft? Will er mir etwa mitteilen, dass er doch heute noch gar nicht auf seine Rechnung gekommen ist und er entschieden gegen meine Fitness-Studio-Pläne, dafür um so mehr für einen langen gemeinsamen Spaziergang ist?

Ich bin doch keine Raben-Hundemutter! Schlechtes Gewissen überfällt mich und das Pilates-Training ist auf morgen verschoben.



Auf der Heimfahrt kreisen meine Gedanken um die Frage, inwiefern Hunde wohl wirklich echte Emotionen haben können. Kann Talli denn tatsächlich einen vorwurfsvollen Blick haben? Kann er wirklich traurig sein und ist das ein guter Grund, meine Pläne danach auszurichten? Was ist echt und was nur Einbildung? Wo ist die Grenze zwischen einer halbwegs empathischen Hundebesitzerin und einer „fanatischen Hündelerin“ voller Projektionen? Wann empfinde ich wirklich mit dem Hund – und wann bilde ich mir dies bloss ein? Wann wird der Hund zur Projektionsfläche für irgendwelche Bedürfnisse oder Ängste, die mehr mit dem Hundebesitzer als mit dem Hund zu tun haben?

Ich komme zum Schluss, dass ich diese Fragen wohl nie mit letzter Gewissheit werde beantworten können. Und ganz automatisch mache ich einen Vergleich dazu, wie sich diese Sache mit der Empathie bei den Menschen untereinander verhält. Gibt es nicht auch da immer wieder Situationen, in denen es sich lohnt genauer hinzuschauen und zu überprüfen, wo die Empathie aufhört und die Projektion beginnt? – Ich denke schon. Ein wesentlicher Vorteil, den die Menschen allerdings im Kontakt untereinander haben liegt darin, dass sie sich gegenseitig fast jederzeit fragen können. Wir können unsere Mitmenschen fragen, ob unser Gefühl oder unser Eindruck stimmt. Und wir können dann eine Antwort bekommen. Vielleicht sollten wir dies öfters tun und von diesem natürlichen Vorteil vermehrt Gebrauch machen.

Und bei Talli werde ich mir einfach Mühe geben, einen pragmatischen Umgang mit seinen und meinen Bedürfnissen zu finden. Einmal Pilates-Training und einmal langer Hundespaziergang.


Bis bald

Karin Grisenti

EQ-Blog@iek.ch

29.02.2012

Emotionale und soziale Kompetenz: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Dass diese beiden Kompetenzen Gemeinsamkeiten aufweisen, erscheint klar: Intuitiv weiss man, dass jemand ohne diese Kompetenzen bei der Realisierung von beruflichen und privaten Lebenszielen erhebliche Schwierigkeiten hat. Beide Kompetenzen sind nicht unbedingt genetisch determiniert, sondern werden im Laufe des Lebens erworben, modifiziert und ausgebaut. Die Grundlage für diese Kompetenzen wird, wie für vieles andere, in jungen Jahren gelegt. Man weiss heute, dass die Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung – ein zentrales Element für das Wohlbefinden in unseren Leben - beeinträchtigt wird, wenn diese Grundlage fehlt. Glücklicherweise ist unser Gehirn wandelbar und wir lebenslang lernfähig. So können Defizite durch Selbstreflektion, Feedback und anhand konkreter Erfahrungen ausgeglichen werden.

Andere bemerkenswerte Ähnlichkeiten werden ersichtlich, wenn man die wissenschaftlichen Definitionen von Thorndike (1920) zu sozialer Intelligenz (wird häufig als Synonym verwendet für soziale Kompetenz) und die Definition emotionaler Intelligenz (wird häufig als Synonym verwendet für emotionale Kompetenz) von Mayer et al. (2000) betrachtet: Während soziale Intelligenz hier beschrieben wird als die Fähigkeit, andere zu verstehen und in interpersonalen Beziehungen klug zu handeln, bezieht sich emotionale Intelligenz auf die Wahrnehmung und den Ausdruck von Emotion, auf das Verstehen sowie auf die Regulation von Emotionen bei sich selbst und bei andern.

Beide Definitionen beinhalten sowohl kognitive als auch verhaltensbezogene Kompetenzen, wobei sich einige Prozesse auch überlappen. Zum Beispiel bedeutet die Fähigkeit, Emotionen anderer beeinflussen zu können auch die Kompetenz, seine eigenen zu regulieren, indem man eine Strategie auswählt und sich entsprechend darauf einstellt.

Ich möchte hier keine wissenschaftlichen Definitionsfragen erörtern, trotzdem aber aus Sicht des iek Stellung beziehen:

Unserer Auffassung nach bildet die emotionale Kompetenz die Grundlage der sozialen Kompetenz. Folgende Überlegungen stehen dahinter: Solange man sich seiner eigenen Gefühle nicht gewahr ist, keinen Zugang dazu hat und sie nicht in einer angemessenen Form regulieren kann, ist man auch nicht wirklich dazu in der Lage, in einem sozialem Kontext die Gefühle anderer zu erkennen und zu regulieren. Das heisst: ohne emotionale Kompetenz gibt es keine soziale Kompetenz.

In unserem Kompetenzmodell sind wir sogar noch einen Schritt weitergegangen und haben die soziale Kompetenz als einen Teilaspekt emotionaler Kompetenz beschrieben. Mehr dazu erfahren Sie unter → www.iek.ch/about/pdf/kompetenzmodell.pdf .

Bis bald

Ursula Stalder

EQ-Blog@iek.ch

15.02.2012

Emotionen – erleiden oder erleben?

Woran liegt es, ob wir einer Emotion passiv ausgeliefert sind oder ob wir sie bewusst und aktiv erleben – vielleicht sogar beeinflussen können? Gibt es einfach verschiedene Arten von Emotionen, die sich nicht alle gleich verhalten? Oder liegt es am Ende vielleicht auch ein bisschen an uns selbst?

Daniel Goleman hat den Begriff der emotionalen Intelligenz in den 90er Jahren so richtig populär gemacht und damit auch – zumindest indirekt - die wissenschaftliche Forschung beeinflusst bzw. deren wachsendes Interesse an dieser Thematik mit verursacht. So häufen sich erfreulicherweise seit einigen Jahren die Forschungsbeiträge rund um das Thema der emotionalen Welt. Doch gleichzeitig fällt die Bilanz heute noch ernüchternd aus. Aaron Ben-Ze’ev, ein führender Emotionsforscher, schätzt die aktuelle Situation beispielsweise wie folgt ein: „Emotionen spielen zwar eine zentrale Rolle in unserem Leben und sind für alle von Interesse. Gleichwohl gehören die Natur, die Ursachen und die Folgen von Emotionen zu den am wenigsten verstandenen Aspekten menschlicher Erfahrung“ (aus: Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz, Suhrkamp, 2009).

Während die gegenwärtige wissenschaftliche Debatte über das, was Gefühle sind, stark von der aktuellen Hirnforschung dominiert wird, eröffnet ein zusätzliches Sich-Einlassen auf ältere philosophische Schriften einen überaus spannenden Einblick in Fragestellungen und Aussagen von überraschender Aktualität:

Eine der zentralen philosophischen Fragestellungen im Zusammenhang mit Emotionen besteht im sogenannten „Zurechnungsproblem“. So ist es unklar, ob wir einem Menschen eine Emotion als etwas zuschreiben können, das er irgendwie lenken oder kontrollieren kann und für das er letztlich auch die Verantwortung zu tragen hat. Emotionen haben diesbezüglich einen ziemlich ambivalenten Charakter. Einerseits scheinen sie Phänomene zu sein, die wir in der Tat steuern können, indem wir sie gezielt in uns entfachen oder mässigen. So können wir uns zum Beispiel ganz bewusst ein bestimmtes Musikstück anhören, von dem wir aus Erfahrung wissen, welche Emotion es in uns auslösen wird. Oder wir können zur Zeitung greifen und so viele Artikel wie möglich über exorbitante Managerlöhne lesen, bis wir zornig werden und zu schimpfen beginnen. Wir können aber auch versuchen, die komplexen ökonomischen Zusammenhänge zu verstehen und dadurch unseren Zorn allenfalls zu mässigen, oder wir können ganz einfach unsere Aufmerksamkeit wieder einem andern Thema zuwenden und dadurch ebenfalls unseren emotionalen Zustand verändern. Andererseits gibt es aber auch Emotionen, die uns quasi überfallen und die wir nicht beeinflussen können. Wer sich Hals über Kopf verliebt hat, wird von einem stürmischen Gefühl gepackt, das sich durch keine rationale Überlegung mässigen oder gar tilgen lässt – man ist diesem Gefühl einfach ausgeliefert.

Wie können aber Emotionen etwas sein, das wir einerseits aktiv hervorbringen und steuern können, andererseits aber auch etwas, das wir passiv erfahren und das uns geradezu überfällt? Gibt es zwei Arten von Emotionen – aktive und passive? Oder haben alle Emotionen einen aktiven und einen passiven Aspekt? Und wofür können wir verantwortlich gemacht werden: nur für die Emotionen, die wir selber steuern können? Doch wie weit reicht die Steuerbarkeit? Können wir quasi auf Knopfdruck den Zorn mässigen oder gar abstellen, indem wir eine geeignete Technik anwenden oder uns passende Gedanken machen? Oder gibt es auch hier ein Element, das der Kontrolle entzogen ist?

Stellvertretend für andere soll hier kurz am Beispiel von Baruch de Spinoza (1632-1677) aufgezeigt werden, wie man sich diesem Fragenkomplex in der Philosophie früher angenähert hat und welcher Beitrag zur aktuellen Debatte rund um die emotionale Intelligenz dadurch geleistet worden ist:

Spinoza unterscheidet grundsätzlich zwischen aktiven und passiven Emotionen, wobei er davon ausgeht, dass wir uns insofern von der „menschlichen Knechtschaft“ befreien können, als es uns gelingt, durch eigene rationale Tätigkeit aktive Emotionen hervorzubringen. Dadurch können wir die passiven Emotionen, die unwillkürlich in uns entstehen, abschwächen und im besten Fall neutralisieren. Die entscheidende Tätigkeit liegt dabei im Bilden von adäquaten Ideen und Erklärungszusammenhängen. Dazu ein Beispiel: Karl ist zunächst traurig, dass nur zwei Freunde an seiner Geburtstagsfeier erschienen sind. Dann bringt er allerdings aktiv in Erfahrung, dass die anderen geladenen Gäste leider verhindert sind, dass sie aber an ihn gedacht und sich am Geschenk beteiligt haben. Wenn Karl diese Informationen nun verbindet und einen Erklärungszusammenhang herstellt, kann er der passiven Traurigkeit eine aktive Freude entgegensetzen. Dabei liegt der entscheidende Punkt für Spinoza einzig darin, dass Karl aus seiner subjektiven Sicht in der konkreten Situation einen Erklärungszusammenhang herstellt. Selbst dann, wenn es ihm dadurch nicht sogleich gelingen sollte, eine emotionale Veränderung herbeizuführen, lohnt sich sein Aufwand, weil er sich dann nicht einfach in einem aufgezwungenen Zustand befindet, sondern einsieht, warum er sich in diesem Zustand befindet. Es macht also nach Spinoza einen entscheidenden Unterschied, ob ich einfach traurig bin und passiv darunter leide oder ob ich mich aktiv damit auseinandersetze und mir ein möglichst realistisches Bild davon machen kann, warum ich traurig bin. Wir sind zwar immer äusseren Einflüssen ausgesetzt und können uns diesen nie vollständig entziehen, aber wir haben immer auch die Möglichkeit, ihnen eine innere Aktivität entgegenzusetzen und damit unseren emotionalen Zustand zu verändern. Emotional intelligent handelt somit, wer dem passiven Erleiden von Emotionen ein aktives Generieren von neuen Emotionen entgegensetzen kann, indem er möglichst adäquate Erklärungszusammenhänge zu den passiven Emotionen bildet.

Bis bald

Bob Schneider

EQ-Blog@iek.ch

01.02.2012

Wie der EQ die Teamleistung beeinflusst

Wenn Sie den Auftrag bekommen, ein Hochleistungsteam zusammenzustellen, um ein bestimmtes Problem zu lösen, wen würden Sie auswählen? – Dem ersten Gedanken folgend, würde man wohl ein Team von ausgewiesenen Fachleuten auf ihrem Gebiet zusammenstellen. In der Interaktion und im Austausch sollen sich diese Fachleute gegenseitig anregen und weiterbringen, denn bekanntlich lebt die Gruppenleistung von Synergieeffekten, so dass 1+1=3 ergibt. Logisch, oder?

Forscher um Anita Williams Woolley* von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh haben aber einen anderen Faktor entdeckt, der die kollektive Intelligenz von Teams stärker mitbestimmt als die durchschnittliche individuelle Intelligenz der Teammitglieder. In ihrer Untersuchung haben sie 699 Versuchsteilnehmer in kleinere Teams von zwei bis fünf Personen eingeteilt und ihnen diverse Aufgaben gestellt; beispielsweise das Lösen von Puzzels, das Verhandeln über begrenzte Ressourcen oder das Treffen einer schwierigen moralischen Entscheidung. Dabei stellte sich heraus, dass nicht die Intelligenz und das fachliche Wissen der einzelnen Teammitglieder die stärkste Voraussagekraft auf die Teamleistung bzw. die kollektive Intelligenz des Teams hatten. Die „soziale Sensibilität“ der einzelnen Teammitglieder, also die Fähigkeit, die Gefühle der anderen wahrzunehmen, stellte sich als entscheidender Faktor für die Effektivität eines Teams heraus. Zudem war die kollektive Intelligenz in denjenigen Teams höher, in denen alle Mitglieder etwa gleich häufig zu Wort kamen. Teams, die von einer Person dominiert wurden, taten sich weitaus schwerer bei der Problemlösung. Darüber hinaus besassen Teams mit einem hohen Frauenanteil eine grössere kollektive Intelligenz als Teams mit weniger weiblichen Mitgliedern. (Verfügen Frauen im Durchschnitt also tatsächlich über eine höhere soziale Sensibilität als wir Männer?)



Im Nachhinein betrachtet ist es eigentlich logisch: für eine gute und gegenseitig befruchtende Zusammenarbeit braucht es ein Gefühl für andere Menschen. Wenn man keine Antenne dafür hat, wie man mit anderen spricht, auf sie eingeht oder sich selber angemessen in den Prozess einbringt, dann wird es schwierig. – Aber ganz ehrlich, wie werden Sie die Frage am Anfang dieses Beitrags in fünf Tagen beantworten?

Bis bald

Stephan Arnold

EQ-Blog@iek.ch

*Anita Williams Woolley, Christopher F. Chabris, Alex Pentland, Nada Hashmi, and Thomas W. Malone (2010). Evidence for a Collective Intelligence Factor in the Performance of Human Groups. Science 29 October 2010: 686-688.

19.01.2012

Eine alltägliche Geschichte?


Es ist Freitag früher Nachmittag, die Pendenzen sind mehrheitlich erledigt, zwei, drei Sachen noch, dann ist Feierabend. Einem gemütlichen Abend und einem erholsamen Wochenende mit der Familie steht nichts mehr im Wege. Ihre Frau hat für heute wichtige Gäste eingeladen und Sie mit der Weinauswahl betraut. Eigentlich wie immer. Sie wollen einen schönen Bordeaux dekantieren und ihn noch ein wenig atmen lassen. Schliesslich möchten Sie einen ebenso schönen Wein präsentieren können, wie Sie beim letzten Mal bei Hugentoblers[1] vorgesetzt bekamen. Also jetzt schnell noch das Editorial für die Hauszeitung schreiben und dann pünktlich nach Hause, sonst ist der Ärger vorprogrammiert.

So, und nun sitzen Sie bereits eine geschlagene Viertelstunde vor dem weissen, makellosen Papier. Gedanklich haben Sie schon unzählige Varianten durchgespielt, wie Sie das Thema anpacken könnten. Aber alle wieder verworfen. Langsam werden Sie etwas unruhig und nervös. Sie haben sich eine Stunde eingeräumt. Mehr sollten Sie dafür nicht benötigen.

Nach einer halben Stunde schaut Ihre Sekretärin so beiläufig wie möglich in ihr Büro und tut so, als ob sie sonst noch was erledigen müsste. Aber Sie merken schon, dass sie diskret schauen will, wo denn der handschriftliche Text bleibt. Sie muss ihn dann ja noch „abtöggelen“ und formatieren. Sie machen dies gerne so, weil ihre geschätzte Frau Rothenbühler immer noch viel zuverlässiger alle Rechtschreibefehler eliminiert, als das Rechtschreibeprogramm von Microsoft. Und dann sind die Kommata auch noch gleich richtig gesetzt.

Frau Rothenbühler merkt sofort, dass ihr Chef zeitlich nicht gut unterwegs ist und verzieht sich wieder mit einem missbilligenden Seitenblick. Sie hat Ihnen heute anvertraut, dass sie am Abend einen wichtigen Termin habe und gerne pünktlich gehen würde. Also, der Artikel muss nun endlich raus. Sie stehen unter Druck. Für eine Führungskraft in Ihrer Position nichts Ungewöhnliches. Das ist daily business. Und normalerweise leisten Sie am meisten, wenn Sie unter Zeitdruck stehen.


Aber es ist wie verhext. Es kommt einfach nichts. Keine Silbe steht da, wo ein ganzer Artikel stehen sollte. In ihrem Kopf geht’s drunter und drüber, kein klarer Gedanke mehr. Die Synapsen führen ein wildes Ballett auf, anstatt sich paarweise zu verbinden und endlich Text zu produzieren.

Dreiviertelstunden sind vorbei, das Blatt ist leer und Sie haben den Eindruck, dass sich jede einzelne Papierfaser lustig über Sie macht. Sie könnten in die Tischkante beissen und wünschen den VR-Präsidenten irgendwohin. Herr Rüdisühli hat Ihnen diese Aufgabe noch schnell „angehängt“, bevor er gestern ins verlängerte Golfweekend abgereist ist. Wut und Frust bauen sich langsam in Ihnen auf und als Frau Rothenbühler mit Unschuldsmine mit der Giesskanne in Ihr Büro reinplatzt, platzen auch Sie fast. Aber eben nur fast! Frau Rothenbühler hat nun ja wirklich keine Schuld an Ihrer Misere, sie hat nur das Pech, auf Sie warten zu müssen.

Sie behalten Ihre Emotionen im Griff und reagieren angemessen. Sie wissen eigentlich genau, was in Ihnen abläuft, was die Ursachen für Ihre Stimmung sind, was sich da aufgestaut und zusammengebraut hat. Das ist Ihre Geschichte und mit der kommen Sie auch zurecht. Sie teilen der überraschten Frau Rothenbühler mit, dass sie den Text gleich selber tippen und formatieren werden. Sie solle doch jetzt für heute Schluss machen, damit sie rechtzeitig zu ihrem Termin komme.

Sie selbst atmen dreimal tief durch, sind ein wenig stolz auf sich, dass Sie die Situation so souverän geregelt haben und gehen in sich. Sie besinnen sich, wie Sie früher solche Artikel aufgebaut haben. Setzen sich nochmals hin, machen ein Raster, fangen mit ein paar einfachen Sätzen an und plötzlich läuft‘s wie am Schnürchen. Ihr Kopf ist frei, Sie sind wieder der Alte und Ihre Energie fliesst in ein gelungenes Editorial.

Die Tischkante bleibt unversehrt, der Wein kommt rechtzeitig in die Karaffe und Frau Rothenbühler hatte ein erfolgreiches Date, wie sie Monate später noch erfahren werden. Emotionale Kompetenz hat viele Facetten und kann viel bewirken!

Bis bald

Simon Streit
p.s. Haben Sie übrigens das letzte Editorial in Ihrer Hauszeitung gelesen?


EQ-Blog@iek.ch

[1] Alle Namen sind frei erfunden

04.01.2012

Schnäppchenjagd

Wer bereits einmal in Fort Lauderdale gewesen ist, der kennt bestimmt das Sawgrass Mall: überdimensioniert, unendlich gross, ein Paradies für Schnäppchenjägerinnen. Jeder Reiseführer bezeichnet den Besuch dieses Shopping-Paradieses als ein „Must“. Nur damit die Dimensionen klar sind: ein klassisches Schweizer Einkaufszentrum würde wohl mindestens 20 Mal dort reinpassen.

Ich betrachte mich in aller Regel als „ausverkaufs-resistent“ und funktioniere eher nach dem Motto „weniger ist mehr“. So entpuppte sich der Start meines Besuchs in der Mall als eine leichte Überforderung. Es war kurz vor Weihnachten und „Frosty the snow man“ (Americas’s number one Christmas Song) begleitete nicht nur meine ersten Schritte, sondern dudelte den ganzen Tag durch die Lautsprecher. Leicht distanziert und vielleicht auch eher etwas „über der Sache stehend“ marschierte ich den ersten Schaufensterfronten entlang und dachte mir einmal mehr, wie unterschiedlich die Amerikaner doch sind… bis ich dann in weiter Ferne den Schriftzug in leuchtendem Pink von „Victoria’s Secret“ (dem Traum jeder Frau) entdeckte. Mein Herz machte ohne mein aktives Dazutun einen Sprung und das Tempo meiner Schritte erhöhte sich gewaltig.


Stunden später – im Food-Corner bei Bier und Salat (wobei der obligate Burger hier wohl adäquater gewesen wäre, aber mein schlechtes Gewissen dies dann doch nicht zuliess) und umgeben von vielen bunten Plastiktüten – überkam mich das wohl den meisten Frauen bekannte „After-Shopping-Gefühl“ der völligen Zufriedenheit. Jetzt fehlte nur noch die genüssliche Zigarette, die ich mir dann ebenfalls so richtig genüsslich hätte reinziehen können. Wie schade, dass ich dieses Laster vor 10 Jahren aufgegeben habe.

Ich weiss, ich weiss: Egal ob Konsumsucht oder Nikotinsucht – dies sind, streng psychologisch betrachtet, alles Dinge, die uns längerfristig unglücklich machen. Es sind letztlich untaugliche Versuche, mit der Angst vor der inneren Leere zurechtzukommen bzw. diese zu überdecken. Doch manchmal sind solche „psychologischen Sünden“ einfach wunderbar! Die guten Vorsätze kann man ja nachher wieder befolgen.

Happy New Year!

Karin Grisenti Schneider

EQ-Blog@iek.ch

21.12.2011

Emotionale Kompetenz bei Kindern fördern


Wer wie ich zu einer Risikogruppe für Depressionen gehört, nämlich derjenigen von Müttern von 3 Jungs, der hat bestimmt auch einige Erziehungsratgeber im Bücherregal stehen (wie’s denen mit 4 oder 5 Jungs geht, weiss ich nicht..). Ratgeber wie ‚was Jungs brauchen‘, ‚jedes Kind kann Regeln lernen‘‚ Triple P, etc. etc.

Ich muss leider gestehen, dass die meisten dieser gut gemeinten Ratgeber ungelesen bzw. angelesen in unserem Regal stehen. Zum einen hat Frau als Mutter dreier Musketiere gar nicht die Zeit zum Lesen, zum andern bereitet einem diese Sorte Literatur oftmals noch zusätzlich ein schlechtes Gewissen. Dazu eine Randbemerkung: Meine Recherchen haben ergeben, dass die meiste dieser erzieherischen Ratgeberliteratur von pädagogisch oder psychologisch gebildeten Männern, meist kinderlosen, oder von Wochenendvätern mit einem Kind, geschrieben werden…. dies nur zur Entlastung aller mütterlichen und väterlichen Gewissen! Also: weg damit!

Damit der werte Blogleser aber in der Hoffnung nicht enttäuscht wird, hier einen Rat zu finden, wie man denn Kinder emotional kompetent machen könne, will ich meine derzeitige Weisheit zu der Frage preisgeben: Emotional kompetente Kinder entstammen meist emotional kompetenten Eltern. Eltern, die einen Bezug haben zu ihren Emotionen und mit diesen umgehen können. Eltern, die die Emotionen ihrer Kinder wahrnehmen und darauf eingehen können. Mit Kindern über deren und eigene Emotionen sprechen. In Beziehung treten. ‚Da‘ sein, wenn sie da sind und nicht in Gedanken noch im Büro. Sich ärgern, auch mal ausflippen und sich spürbar machen. Fehler machen und sich dafür entschuldigen können. Unter anderem.

(Früh-)kindliche Förderung ist derzeit in aller Munde: Lesen und Rechnen schon im Kindergarten, Frühenglisch, Frühirgendwas. Man will ja nichts verpassen und möglichst früh möglichst viele neuronalen Verbindungen im Hirn des Kindes schaffen. Ob das schliesslich positiv oder negativ für die kindliche Entwicklung ist, darüber scheiden sich die Geister. Was aber meines Erachtens zu wenig Beachtung erhält, ist die emotionale Entwicklung des Kindes. Kinder müssen Dinge er-leben, be-greifen, er-spüren und das geht nicht nur über kognitive Herausforderungen, sondern auch über emotionale. Aber jetzt rede ich schon wie einer dieser Ratgeber… Wenn Sie trotz (oder wegen) diesen Ausführungen ein richtig gutes Buch zum Thema lesen wollen, dann lesen Sie von Haim Omer und Arist von Schlippe ‚Autorität durch Beziehung‘. Das tut auch fehlerbehafteten Eltern gut.

Bis bald

Ursula Stalder

EQ-Blog@iek.ch